Familiengerechtigkeit als Schlüssel für die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens Superintendent Pfarrer Jens Sannig am 12. März 2008

 

Lokales Bündnis für Familie der Stadt Übach-Palenberg

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Der Titel Familiengerechtigkeit als Schlüssel für die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens" ist entnommen dem Beschlusstext der Landessynode der evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), die sich 2007 schwerpunktmäßig mit der dem Stellenwert und der Bedeutung von "Familie" beschäftigt hat.

Bischof Huber, der Ratsvorsitzende der EKD formulierte einmal: "Jeder Mensch hat Vater und Mutter, auch dann, wenn er nur mit einem Elternteil oder sogar als Waise aufwächst. Mit seiner Herkunftsfamilie bleibt auch der verbunden, der keine eigene Familie gründet. Der Satz, Familie sei dort, wo Kinder sind, führt, solange er alleine steht, in die Irre. Er rückt nur die Nachkommen in den Blick. Er macht damit die familienlos, die keine Nachkommen haben. Doch das Leben ist vielgestaltiger. Auch wer als Single lebt, lebt in einem Familienverbund. Er hat Vorfahren. Jeder Mensch ist zunächst Kind. Jeder entstammt einer Familie. Seinen Eltern - wie auch immer sich das Eltern-Kind-Verhältnis geschichtlich ausgestaltet hat - "verdankt" sich jeder Mensch. Heute geht es darum, die Bedeutung der Familie wie das Glück mit Kindern neu zu entdecken. Beides gehört zusammen. Beides ist aber auch zu unterscheiden. Für beides ist neues Zutrauen nötig. Ein Zutrauen zur Leistungsfähigkeit unserer Familien. Und ein Zutrauen zu einem Leben mit Kindern. (Wolfgang Huber, Vortragsmanuskript 28.3.06)

Generationenübergreifend familienorientierte Netzwerke für und mit Familien zu entwickeln, ist der Inbegriff des neuen Denkens auf der Suche nach einer familienstarken Gesellschaft, dieser Ansatz liegt dem Positionspapier der Landessynode zum Thema .Familiengerechtigkeit" zu Grunde.
Familie ist in aller Munde.

  • In Zeiten des demographischen Wandels ist die Familie em Schlüssel zur ökonomischen Ordnung eines Landes.
  • In Zeiten von PISA ist die Familie ein Schlüssel zur bildungspolitischen Ordnung
    eines Landes.
  • In Zeiten der Verunsicherung hinsichtlich allgemeingültiger Werte und Normen ist Familie ein Schlüssel zur Vermittlung einer Werte ordnung eines Landes.
  • In Zeiten der Auflösung sozialer Grundsicherungen und Sicherungssysteme wird Familie zum Schlüssel einer sozialpolitischen Ordnung eines Landes.
    Wie kann und will sie das auf sich gestellt leisten?


Im Mittelpunkt stehen wichtige Zukunftsfragen:

  • Wie gestalten wir das Miteinander der Kulturen und Generationen?
  • Was können wir tun, um junge Familien zu entlasten, die nicht nur ihre Kinder erziehen sondern sich auch vermehrt um ihre alten Eltern kümmern müssen?
  • Wie eröffnen wir jungen und alten Menschen bessere Lebens- und Bildungschancen?
  • Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Wie verhindern wir überforderte Nachbar-
    schaften?
  • Wie versorgen wir allein stehende (ältere) Menschen?
  • Wie gehen wir verantwortungsvoll mit unserer Umwelt um?
  • Wie wollen wir es schaffen, dass Familien, insbesondere junge Familien finanziell in der Lage sind, ihrer Verantwortung füreinander und voreinander gerecht zu werden? 
  • Wie schaffen wir verlässliche und stabile Lebensbedingungen für Familien, die In Zeiten einer neoliberalen Wirtschaftsordnung völlig aufgegeben wurden?


Familie als "Segen"
Vielfältig wird in der Bibel von dem erzählt, was wir mit "Familie" bezeichnen, obwohl der Begriff nicht vorkommt. Die Vielfalt der Familienformen ist nicht geringer als heute.
Als Gottes Zuspruch können Menschen dankbar wahrnehmen, was für ein Gottesgeschenk es für sie ist, in einer Familie (einem "Haus") zu leben: In Schwierigkeiten sind Menschen da, die helfen und füreinander einstehen. In den Wechselfällen des Lebens können sie verlässlichen Beziehungen trauen. Liebevolle Kritik wie lebensnotwendige Korrektur können sie am besten in der geschützten Zone der Familie annehmen. Besonders als junge und alte Menschen finden sie Schutz und Geborgenheit. So erleben die Menschen die Familie als Raum, in dem der Glaube an Gott gelebt, weitergegeben und eingeübt wird.
Als Gottesgeschenk kann auch die Freiheit erlebt werden, "Vater und Mutter verlassen" und sich von der Ursprungsfamilie trennen zu dürfen, unabhängig davon, ob das zu einer neuen .Familiengründung" führt. Am Beispiel Jesu selbst können wir sehen, dass die Familienbindung keine absolute Bindung ist.
Wer Gottes Segen in der Familie empfangt, wird darin auch zum Segen für andere. Weil Gott der Gemeinschaft "Familie" seine Gerechtigkeit zuwendet, sind wir dieser Gemeinschafts- gerechtigkeit verpflichtet.


Familie in den Blick nehmen
Familiengerechtigkeit ist ein entscheidender Schlüssel für gesellschaftliche Entwicklung. Unter jungen Erwachsenen heute genießt Familie einen hohen Stellenwert. Trotzdem zögern viele von ihnen, eine eigene Familie zu gründen.
Dies hat schon jetzt Auswirkungen auf die demografische Entwicklung. Das zahlenmäßige Verhältnis junger und alter Menschen zueinander ist generativ nicht ausgewogen. Außerdem sind familiäre Herkunft und Bildungschancen in Deutschland eng miteinander verflochten, so dass sich eine Dynamik entwickelt, die soziale Gegensätze enorm verstärkt.
Dies sind Herausforderungen, denen angemessen begegnet werden muss.

Ob sich die nachwachsende Generation in unserer Gesellschaft künftig für Lebensentwürfe mit Kindern und damit für die Übernahme von generativer Sorgearbeit entscheiden wird oder nicht, hängt maßgeblich von der Attraktivität der vorhandenen Arbeits- und Lebensbedingungen in ihrem unmittelbaren Umfeld ab. Die Vision einer kinder- und familienfreundlichen Kommune reduziert sich dabei keineswegs allein auf die Verbesserung des Angebots an Kinderbetreuung. Vielmehr geht es zunächst um ein klares Bekenntnis aller kommunalen Akteure zur Zielgruppe "Familie" in unterschiedlichen Variationen. Viele Kommunen haben heute das Ziel, kinder- und familienfreundlicher zu werden, weil sich vor dem Hintergrund des demographischen Wandels allmählich die Einsicht durchsetzt, dass Familien nicht in erster Linie einen Kostenfaktor darstellen, sondern dass sie an ihrem Lebensmittelpunkt soziale Netze knüpfen, ihren Alltag unter Rückgriff auf vorhandene Infrastrukturbedingungen gestalten und durch ihre vielfältigen Aktivitäten, darunter vor allem in Form von generativer Fürsorgearbeit gegenüber. ihren Kindern und bedürftigen Familienangehörigen einen wertvollen Beitrag zur Vitalität und Lebensqualität vor Ort leisten, der durch andere soziale Gruppen nicht ersetzt werden kann.

Der gegenwärtig hohe Aufmerksamkeitswert gegenüber der Familie - auch auf kommunaler Ebene - verdankt sich in erster Linie der Kinderlosigkeit einer ganzen Generation. Soziale Sicherungs systeme drohen zu versagen, in etlichen Regionen wird bereits deutlich, was sich in den nächsten Jahren ausweiten wird: Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen werden in Ermangelung von Nachwuchs schließen müssen; von der Wirtschaft wird bereits ein Fachkräftemangel prognostiziert.

Der tiefgreifende Strukturwandel von Familie hat zu erheblichen Veränderungen in der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung in den Kommunen geführt: einerseits ist seit Jahren die Abwanderung gerade der gut ausgebildeten Eltern mit ihren Kindern aus den Städten ins Umland zu verzeichnen, andererseits konzentrieren sich benachteiligte Familien mit und ohne Migrationshintergrund in bestimmten stigmatisierten Wohnquartieren. Viele Armuts- und Sozial berichte haben nachgewiesen, dass es in diesen Stadtteilen und Wohnquartieren zu einer Kumulation von ungünstigen Entwicklungs- und Sozialisations bedingungen für die dort aufwachsenden Kinder und Jugendlichen kommt. Somit widerspiegelt sich auf der kommunalen Ebene die wachsende soziale Ungleichheit der bundesdeutschen Gesellschaft.

In der letzten Shell-Studie wird geschätzt, dass etwa 15 % der Elternhäuser definitiv überfordert sind; mehr als 10 % jedes Altersjahrgangs verlassen die Hauptschule ganz ohne Abschluss, Fehlernährung, mangelnd e körperliche Bewegung gehören ebenso zu den Insignien dieser Kinder und Jugendlichen wie ein extrem schädlicher Medienkonsum, Gewalterfahrungen und teils problematische Beziehungen zum Elternhaus.
Wenn im Jahre 2000 immerhin 43 % aller Kinder mit einer Mehrfachbenachteiligung außerhalb des Kindergartens keinerlei Frühförderung erfahren haben, so wird deutlich, dass es mit einer "öffentlichen Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern" hier zu Lande nicht gut bestellt ist.

Die Privatisierung der Kinderfrage haben - pointiert gesagt - gerade für Kinder aus benachteiligten Herkunftsverhältnissen und mit Migrationshintergrund oft ein Zuviel an Familie und ein Zuwenig an kindgerechten und familienergänzenden Betreuungs-, Bildungs- und Förderangeboten hervorgebracht. Gerade Kinder aus Familien in armen und prekären Lebenslagen brauchen einen anregungsreichen Kinderalltag jenseits ihrer teils bedrückenden Herkunftsmilieus. Eine gute Betreuung und Bildung von Anfang an, gepaart mit einer Stärkung der Alltags- und Erziehungskompetenz der Eltern stellt die einzige Möglichkeit dar, wie Kinder aus diesen Herkunftsverhältnissen dem Teufelskreis von Armut entkommen können.

Für Sicherheit und Gerechtigkeit für Familien
Kinder zu bekommen und Kinder zu haben, wird in Deutschland für immer mehr Familien ein Armutsrisiko: Eine wachsende Zahl von Kindern und damit auch deren Eltern ist auf öffentliche Hilfeleistungen angewiesen. Dies gilt insbesondere für Alleinerziehende und ihre Kinder, kinderreiche Familien und Familien mit Migrationshintergrund.
In NRW lebt fast jedes 4. Kind in einem Haushalt, der als arm gilt. Das hat der letzte Armuts¬und Reichtumsbericht der Landesregierung festgestellt. In NR W gilt ein Paar mit 2 Kindern unter 14 Jahren als arm, wenn das Haushaltsnettoeinkommen unter 1661 € liegt. Bei Alleinerziehenden mit 2 Kindern in diesem Alter liegt die Grenze bei 1230€.
Seit Einführung von Hartz IV im Januar 2005 ist die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf eine Rekordhöhe gestiegen. Diese Kinder müssen auf Sozialhilfeniveau leben und werden zunehmend zu Verlierern der Gesellschaft- das auf dem Höhepunkt der Konjunktur und bei sinkenden Arbeitslosenzahlen.

Es gibt viele Familien, die wegen der Kinder auf Hartz IV angewiesen sind, obwohl beide Eltern arbeiten. In Deutschland lebt jedes sechste Kind in Armut, es sind, wie jetzt die jüngste Studie des Kinderhilfswerkes zeigt, 2,6 Millionen Kinder.

Für Befähigungs- und Bildungsgerechtigkeit
Die Verteilung von Lebenschancen beginnt in der Familie. Die internationalen und die nationalen Vergleichsstudien haben nicht nur die Schule, sondern auch den Bildungsort Familie in den Vordergrund gerückt und belegen: In Deutschland gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und der Verteilung von Zukunftschancen. Familie ist der erste wichtige Ort für die Entwicklung von Kindern. Die dort erfahrenen Bindungen, Orientierungen und Kompetenzen sind nicht nur die entscheidende Basis für die Persönlichkeitsentwicklung aller Menschen, sondern bilden auch vielfach die Grundlage für schulisches Lernen und Interessen, für Leistungsmotivation und lebenslange Bildungs- prozesse.
Wenn die Bildungschancen herkunftsbedingt begrenzt sind, hat dies Auswirkung auf die Erwerbsarbeit, die gesellschaftliche Teilhabe und die Bildungschancen der Kinder. Seit den 80er Jahren steigt die Zahl der Kinder, deren Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben, stetig an. Kindheit in Deutschland spiegelt stärker die Lebensumstände der Herkunftsfamilie wider als in vergleichbaren europäischen Ländern.
Die Verantwortung für das Aufwachsen junger Menschen muss auf allen Ebenen gestärkt werden, damit herkunftsbedingte Benachteiligungen aufgebrochen werden können.


Familie als Generationenbeziehung
Familie wird in vielfältigen Beziehungsformen gelebt und erlebt. Als komplexes Beziehungsgefüge ist Familie veränderlich, dem Wandel der Lebensverhältnisse ausgesetzt, Menschen tragend, aber auch Menschen belastend. Es ist sehr unterschiedlich, was Menschen als ihre Familie erfahren: Kinder und Jugendliche leben mit zwei Elternteilen oder in Einelternfamilien, in Patchworkfamilien, mit Großeltern, ohne Geschwister, mit wenigen oder mehreren Geschwistern zusammen.
Was ist in dieser Vielfalt von familiären Beziehungen das Gemeinsame? Was qualifiziert diese sozialen Gebilde als Familie? Es ist im Kern die Generationenbeziehung, die zu Solidarität und Verantwortung füreinander herausfordert. Dabei verändern sich im Laufe des Lebenszyklus die Rollen und Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander.
Mit Familie verbunden werden: Geborgenheit, Verlässlichkeit, Vertrauen, Rückhalt, Verantwortung und Liebe. Kinder und Jugendliche wünschen sich eine Familie mit beiden Elternteilen.
Kinder und Jugendliche wünschen sich Eltern und Geschwister in fast allen Fragen als die bevorzugten Gesprächspartner. Sie wünschen sich Familien, in denen sie sich sicher und wohl fühlen können.
Familie ist ein zentraler Lebensbereich, in dem es um das Leben und Gestalten von sehr intensiven Beziehungen geht. Sie sind weit über die Dauer eines einzelnen Lebens angelegt, denn jeder, der eine Familie gründet, ist zugleich immer noch Mitglied seiner Herkunftsfamilie und die eigenen Kinder werden ebenfalls Mitglieder der elterlichen Herkunftsfamilie .

Das Verhältnis der Generationen gerechter gestalten
Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Menschen wird sich nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in den nächsten Jahrzehnten stark verschieben. Aller Voraussicht nach wird im Jahr 2050 die Hälfte der Bevölkerung älter als 48 Jahre und ein Drittel 60 Jahre oder älter sein. Die Zahl der Unter-20-jährigen - so wird prognostiziert ¬wird von aktuell 21 % der Bevölkerung (17 Millionen) auf 16 % im Jahr 2050 (12 Millionen) zurückgehen.
Diese Entwicklung hat Konsequenzen für das Sozialsystem wie auch für das Binnenleben von Familien. Hatten Anfang des 20. Jahrhunderts Väter mit ihren Erstgeborenen noch eine gemeinsame Lebenszeit von durchschnittlich 20 Jahren, so liegt diese heute bei 55 Jahren, für Mütter um ca. weitere fünf Jahre höher. Die gemeinsame Lebensspanne von Kindern, Eltern und Großeltern hat sich verlängert. Dies erhöht die Anforderung an familiäre Sozialkontakte und Betreuungsaufgaben. Der 7. Familienbericht stellt hierzu fest, dass es selten zuvor ein besseres Klima zwischen den Generationen gegeben hat und gegenwärtig von keinem Generationenkonflikt zu sprechen sei.Die vielfältigen Formen gelebter Solidarität stellen eine wichtige Ressource der familiären Netzwerke dar.
Auch die jüngere Generation unterstützt die ältere. Ca. drei Viertel aller pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause von einem Familienangehörigen gepflegt; Familie ist auch dort, wo alte und pflegebedürftige Menschen von Angehörigen betreut und versorgt werden.
Familien brauchen Möglichkeiten und Unterstützung, das Miteinander der Generationen verantwortlich und in Würde zu gestalten.

Familien fördern
Deutschland ist inzwischen ein Land mit einer der weltweit niedrigsten Geburtenraten. Vor die Alternative Beruf oder Familie gestellt, entscheidet sich heute ein immer größerer Teil der nachwachsenden Generation für den Beruf. Nicht jede Kinderlosigkeit ist zwar auf persönliche Motivation oder individuelle Entscheidung zurückzuführen; es gibt Menschen, die Elternschaft nicht leben können und dies auch als belastend erfahren. Aber immer öfter wird die Realisierung eines Kinderwunsches wegen der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf biografisch verschoben bzw. es wird ganz auf eigene Kinder verzichtet. Ein Leben mit Kindern braucht nicht nur gesicherte wirtschaftliche Perspektiven, sondern auch die Bereitstellung einer familienergänzenden Infrastruktur und die Unterstützung, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

In der Phase des Berufseinstiegs und der Suche nach stabiler Existenzsicherung erscheint es vielen Frauen .und Männern nicht möglich, ihren Kinderwunsch zu erfüllen: Arbeitslosigkeit, unsichere Beschäftigungsverhältnisse und die vom Arbeitsmarkt geforderte räumliche und zeitliche Flexibilität sowie die Tendenz zu immer längerer Ausbildung und Weiterbildung tragen dazu bei, dass junge Menschen sich spät binden, spät Eltern werden oder sich gegen Kinder entscheiden.
Diese Situation wird im 7. Familienbericht der Bundesregierung als "Rush-Hour des Lebens" bezeichnet. Ausbildung, Berufseinstieg, Berufsstabilisierung und Familienentscheidung werden auf einen sehr engen Zeitabschnitt im Lebenslauf junger Menschen zusammengedrängt.
Damit Familiengründungen wie in anderen europäischen Ländern während der Ausbildung oder während des Studiums möglich und selbstverständlich werden können, bedarf es flexibler Ausbildungszeiten. Würden Aus- und Weiterbildungsangebote in die Elternzeit integriert, könnte aus der langen Phase der Existenzsicherung und dem Nacheinander von Berufsausbildung und Familiengründung ein Nebeneinander werden.

Die oft betonte Wertschätzung von Familie steht ebenso oft im krassen Gegensatz zur erlebten Wirklichkeit. Um diesen Widerspruch aufzubrechen, unterstützt die Evangelische Kirche im Rheinland die Forderung, Arbeitsplätze familiengerecht zu gestalten durch flexible, an den unterschiedlichen Familienphasen orientierte Arbeitszeitmodelle, Gleitzeitmodelle, Teleheimarbeit, Auszeiten (Sabbatjahr), Angebote während der Elternzeit, Eltern-Kind-Büros für Krisen, Betreuungsnotfälle oder Pflegebetreuungsplätze, arbeitsplatznahe Kindergartenplätze, Familienzentren etc. Besonders wichtig sind Arbeitszeitmodelle, die Eltern Zeit für ihre Kinder oder für die Pflege ihrer Angehörigen einräumen.

Für mehr Familienzeit
Veränderte Leitbilder und neue Herausforderungen prägen Familienleben. Das komplexer gewordene Umfeld macht es den Familienmitgliedern immer schwerer, im Miteinander zu bestehen.
Das betrifft insbesondere den erlebten Zeitdruck und das Verschwinden der Trennschärfe zwischen Arbeitsleben und Privatleben.
 

Die Arbeitswelt beschneidet durch den Zwang in hohem Maße verfügbar und erreichbar zu sein die Zeit von Familien. Verdichtete Zeitorganisation für Familien und die Alltagsabläufe mit Kindern kennen nahezu keine Auszeiten mehr. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für das gelingende Miteinander und die sinnvolle Gestaltung von Familienkultur ist es jedoch, genügend Zeit zu haben.
Zeit zu haben, ist eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Besorgniserregend ist, dass immer mehr Frauen und Männer am Wochenende und nachts arbeiten müssen. Ein Viertel aller Beschäftigten ist sogar am Sonntag im Dienst. Der Sonntag als Zeit der Unterbrechung des Alltags ist um der Menschen willen unaufgebbar. Für Familien ist er in ganz besonderer Weise unerlässlich. Er bildet einen wichtigen Hintergrund für die Einübung in gemeinsame verlässliche Zeiten und Rituale.
Es muss verlässliche Zeiten für Familien geben. Je jünger Kinder sind, um so wichtiger sind verlässliche Zeiten und das Einhalten von gewohnten Ritualen. Die Interessen von Arbeitswelten und von Familien müssen so gegeneinander abgewogen werden, dass Familien hinreichend gemeinsame Zeit füreinander haben können. Unterschiedliche Rhythmen und Zeitintervalle (wie Tageszeiten, Wochenzeiten, Jahreszeiten, Kirchenjahr, Lebenszeit, Freizeit, Arbeitszeit) müssen zwischen Erwachsenen und Kindern gemeinsam erlebbar sein. Nur so kann ein Gespür für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen in ihrer jeweiligen Lebensphase entwickelt werden.

Schlussfolgerung
Staat und Gesellschaft befinden sich in emer sozialen Schieflage, wenn sie Familien so benachteiligen wie derzeit. Die soziale Schieflage der Gesellschaft bringt Familien ins Rutschen und löst nicht selten Krisen in den Familien aus.

Die Gesellschaft ist aus den Fugen geraten, wenn 100 Erwachsene nur noch 63 Kinder und nur noch 39 Enkel haben. Sich für Familie zu öffnen, fällt vielen Menschen heute schwer. Persönliche Einstellungen sprechen ebenso dagegen wie gesellschaftliche Umstände. Dass Familien benachteiligt werden und Kinder als Armutsrisiko gelten, ist längst bekannt. Trotzdem fällt es offensichtlich leichter 20 Milliarden € aus Steuermitteln zur Bewältigung einer Bankenkrise aufzubringen, wo unfähige Manager sich im Börsenspiel verzockt haben, als 1 Milliarde € an Steuermitteln aufzubringen für eine längst überfällige Anpassung des Kindergeldes an die gestiegenen Lebenshaltungskosten, von denen wieder Familien am stärksten betroffen sind.
Schwerer noch als die finanziellen Einschränkungen wiegen für junge Familien andere Benachteiligungen: Sie suchen für Kinder geeigneten Wohnraum und erleben, sofern sie ihn überhaupt bezahlen können, dass ihnen Kinderlose vorgezogen werden. Mehrkinderfamilien sind hier sogar extrem benachteiligt. Sie erfahren Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt, da sie in räumlicher und zeitlicher Hinsicht weniger flexibel sind als andere Arbeitnehmer. Auch der fortlaufende Verlust an gemeinsamer Zeit (etwa durch Schichtarbeit oder Sonntagsarbeit) trifft die Familien besonders hart. Besondere Belastungen treten infolge von Arbeitslosigkeit und Überschuldung auf. Gegen die Wahrnehmung von Elternverantwortung verhalten sich Wirtschaft, Staat und soziale Dienste zwar nicht ablehnend, aber vielfach indifferent. Franz-Xaver Kaufmann spricht von einer "strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien".
Aus einer vor kurzem veröffentlichten Umfrage geht hervor, dass Familien - modern gesprochen - ein Imageproblem haben. Menschen ohne Kinder sind auch so mit ihrem Leben ganz zufrieden und finden die Gründung einer Familie kaum erstrebenswert. Kinder werden kaum als Segen, eher als Belastung empfunden.
 

Viele in der Generation der heute Zwanzig- bis Vierzigjährigen fühlen sich durch die Dreifachbelastung von Bildung und Ausbildung, Beruf sowie Ehe und Familie überfordert. Sie erleben, wie Paul Baltes das genannt hat, einen "Lebensstau" . Die Verschiebung des Kinderwunsches ist eine verbreitete Reaktion. Bei manchen mag auch eine allzu nüchterne Abwägung zwischen Lebensstandard und Kinderwunsch eine Rolle spielen; bei anderen handelt es sich weit eher darum, dass sie mit guten Gründen in Kindern ein Armutsrisiko sehen. Nicht einfach eine individuelle Verweigerung der Verantwortung, die mit dem Aufziehen und Aufwachsen von Kindern verbunden ist, sondern diese Kombination zwischen gesellschaftlicher Zukunfts scheu und persönlichem Lebensstau bewirkt die Krise, die sich in unserer Gesellschaft weit dramatischer zeigt als in vielen vergleichbaren Gesellschaften.
In unserer Gesellschaft haben wir uns auf eine Konzeption im Verhältnis zwischen den Generationen eingestellt, in der die jetzige Generation nur so viel Zukunfts sicherheit hat, wie sie auf die nachfolgende Generation bauen kann. Die Weichenstellung dahin ist vor einem halben Jahrhundert durch Konrad Adenauers Rentengesetzgebung erfolgt. Wird es diese nächste Generation geben? Wird sie zu solchen Leistungen bereit sein? Diese Frage muss die Gemüter erregen. 
  

-> Hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit befindet sich eine Gesellschaft in Schieflage, die nicht Kindern und Familien eine viel höhere Priorität einräumt als heute.

In Deutschland wird Armut vererbt. Nichts beeinflusst den sozialen Weg eines Menschen so sehr wie seine soziale Herkunft. Dies widerspricht zutiefst unserem christlichen Menschenbild, ist sozialpolitisch ein Skandal und bedeutet für unser auf Kopfarbeit angewiesenes Land eine ökonomische Katastrophe. Genau an der Schnittstelle zwischen Familien-, Sozial- und Bildungspolitik brauchen wir einen sofortigen und radikalen Wandel, der dazu führt, dass alle Kinder nach ihren Fähigkeiten gefördert werden, dass eine Befähigungsgerechtigkeit entsteht, die eine Chancengerechtigkeit überhaupt erst ermöglicht und zu einer Beteiligungsgerechtigkeit beiträgt. Familien-, Sozial- und Bildungspolitik müssen so reformiert und verzahnt werden, dass die soziale Herkunft für die Chancen eines Kindes in den Hintergrund tritt, das Armut nicht mehr vererbbar ist. Und das muss für alle Kinder gelten. Wir dürfen keinen Menschen verloren geben!
Aber auch dann muss gelten, dass Bildung nicht allein an der ökonomischen Nützlichkeit ausgerichtet sein darf. Die Würde des Menschen, nicht nur sein ökonomischer Wert ist der entscheidende Maßstab auch für die Bildung. Sie ist nicht nur dazu da, das "Humankapital" zu vermehren.

Es ist Pflicht von Staat und Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass ihr größter sozialer und emotionaler Reichtum, nämlich Kinder, nicht zu materieller Armut führt.

Familien brauchen bei der Erziehung ihrer Kinder ein soziales und institutionelles Netzwerk, das ihre Erziehungskompetenz unterstützt und Kinder in ihren Entwicklungs- und Lemmöglichkeiten fördert. Dieses Netzwerk muss sowohl familienunterstützende als auch familienergänzende und notfalls -ersetzende Angebote bereithalten.

Besonders im Bereich der vor- und außerschulischen Angebote zur Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen haben die Kirchen ein großes Potenzial, das für die Weiterentwicklung dieses Bereichs eine große Rolle spielen kann und sollte. Hier gilt es gute und durchaus auch neue Modelle zu finden, Angebote zu bündeln, um beispielsweise einen Kindergarten zu einem Haus der Familie weiterzuentwickeln. 
 

Familienförderung hat es zuallererst mit mentalen Rahmenbedingungen zu tun. Sie muss mit der Frage beginnen, ob wir Familie wieder als Beruf verstehen - und zwar als Beruf der ganzen Gesellschaft. So wie Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Recht, Kultur und Religion Aufgaben und Verantwortungsbereiche der ganzen Gesellschaft sind, so auch die Familie. Ohne Familie, in welcher Ausgestaltung auch immer, kann keine Gesellschaft leben. Kein Gemeinwesen kann die Leistungen an Solidarität, die in Familien erbracht werden, durch soziale Dienstleistungen ersetzen. Keine professionelle Sozialarbeit kann die soziale Kohärenz herbeiführen, die in Familien entsteht und gelebt wird. Das wissen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen am besten, die dort eingreifen müssen, wo Familie misslingt.
Familie ist der Beruf der ganzen Gesellschaft. Sie ist aber auch als besonderer Beruf neu zu würdigen. Männer und Frauen, die sich aus freien Stücken darauf einstellen, Kindern beim Aufwachsen beizustehen, sollten nicht als "Aussteiger" und "Aussteigerinnen" betrachtet werden. Das aber wird suggeriert, wenn sie - und dies betrifft vor allem Frauen - gefragt werden, wann es denn mit dem "Berufseinstieg" wieder so weit sei. Die Pluralität der Lebensformen zu bejahen, bedeutet auch, nicht einfach die Doppelverdienerfamilie zum Normalfall zu erklären, erst recht nicht die Doppelverdienerfamilie ohne Kinder.
So steht am Beginn unserer Überlegungen das Ja zur Familie in der Vielfalt ihrer Formen und damit das Ja zu einem gemeinsamen Leben in Liebe und Freiheit, in Verantwortung und Verlässlichkeit. Denn Familie haben alle.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.