„Hin & Weg.sehen“ zeigte die Abgründe des Extremismus auf

 
Jule (Sabrina Ullrich) und Cem (Tobias Vorberg) verkörperten das frühere Liebespaar,
das sich bis auf Messers Schneide wegen extremer Gedanken bekämpft.
Foto: Stadt

Was passiert eigentlich, wenn zwei, die irgendwann einmal so viel füreinander fühlten, sich trennen und sie sich im Laufe der Zeit so weit voneinander wegbewegen, dass es scheinbar keine verbindenden Elemente mehr gibt? Auch dieser Frage widmete sich das Stück „Hin & Weg.sehen“ vom „Theaterspiel“ aus Witten, dass nun im Pädagogischen Zentrum (PZ) an der Comeniusstraße gastierte.

Auf Einladung der Realschule war dieses Stück dort zu sehen. Um die Geschichte von Sem und Jule, die sich einmal sehr nahestanden, herum baut sich aber das inzwischen sehr bedrohlich gewachsene Szenario extremen Gedankenguts auf. Hass und Gewalt sind für die Beiden beinahe zum Alltag geworden, sie scheinen nur noch im Kopf zu haben, wie sie die kommenden Auseinandersetzungen miteinander möglichst zum eigenen Vorteil hin organisieren können.

Kernthema des aus Mitteln der politischen Bildungsoffensive des Kreises Heinsberg gegen extreme Parteien finanzierten Spiels ist die immer wieder aufkeimende Rechte Gewalt und was Zivilcourage dagegen ausrichten kann. Inhaltlich dreht sich alles um Sem und Jule, die einst für einander bestimmt schienen. Doch Verletzungen, Mobbing und Vorurteile haben sie voneinander getrennt, so liegen Jule und Cem seit Jahren mit ihren Cliquen im Clinch. Eine nicht unwichtige Rolle spielt dabei der Opa des nach eigener Aussage durch und durch „deutschen Mädels“. Er heizt mit uralten Parolen gerne die Stimmung an, seine mitreißende Art fällt trotz seines Alters bei Jule auf fruchtbaren Boden.

Sabrina Ullrich in der Rolle der Jule und Tobias Vorberg als Cem zeigen dabei einen Tanz auf des Messers Schneide, denn eigentlich merken beide gar nicht, wie wenig sie die gewalttätigen Auseinandersetzungen eigentlich wollen. Cem will sogar damit aufhören, doch für Jule kommt die schmerzliche Erkenntnis, dass rechts nicht Recht ist, schließlich in einer Situation, in der Cem und seine Freunde längst um ihr Leben fürchten müssen. Doch auch witzige Dialoge, in denen Cem beispielsweise Jule zum Döner danach einlädt oder Jule ihrer plötzlich auftauchenden Stiefschwester den Einkauf beim Türken um die Ecke empfiehlt, täuschen nicht über den ernsten Hintergrund der Handlungen auf der Bühne hinweg.

Denn hinter dem Gespielten steckt viel Realität, so hat Regisseurin Silvia Eilhardt im Vorfeld sich mit Aussteigerinnen aus der rechten Szene beraten. „Ich wollte nicht mehr den Mund halten“, sagt sie, die im Stück auch die Rolle der Stiefschwester von Jule übernimmt. „Trotz der fiktiven Story, entspringt die Geschichte in Einzelteilen auch der Realität“, erklärte sie den sichtlich beeindruckten Schülern der Städtischen Realschule. Und natürlich war nach den beiden Vorführungen im PZ noch genügend Raum, das Gesehene zu reflektieren.