Schreibwerkstatt in der Willy-Brandt-Gesamtschule

 

Tief im Bauch unseres Schulzentrums findet sich ein Raum, der geradezu zum Träumen einlädt.

Zwar schon in Reichweite der übrigen Klassenräume der Willy-Brandt-Gesamtschule, ist das Schülercafé aber auch ein mit riesigen Fenstern ausgestatteter Ort des Wohlfühlens. Mithin bietet sich an diesem ruhigen Platz genau die richtige Umgebung, um kreativ zu sein. Nicht, dass das in den angebotenen Schulfächern nicht auch mal gefragt ist, nur hier kann besonders zu Zeiten der Schreibwerkstatt der junge Schreibernachwuchs in aller Ruhe seine Gedanken ausleben.

An der Spitze der Fünft- und Sechstklässler sitzt an diesem Nachmittag Autorin Mirjam Günter. Sie sagt kurz „Hallo“, dann geht es schon weiter mit der Kreativität. Denn hier kommt es nicht auf Noten an, sondern darauf, dass später auf dem Papier Worte erscheinen, die direkt aus der jungen Nachwuchsschreiberseele über die Tinte auf den Zellstoff laufen. „Rechtschreibung ist nicht so wichtig“, sagt Mirjam einen der Sätze, die Deutschlehrer vielleicht sonst nicht so gerne hören, „es kommt darauf an, was ihr sagen wollt“, gibt sie den Schülern mit auf den Weg. Klassen- und jahrgangsübergreifend bietet die Autorin als Profi den jungen Nachwuchskräften nur ihre Unterstützung an. Sie will keinen Frontalunterricht, das ist sicher nicht das Ziel, und das braucht sie auch nicht zu sagen. Denn jeder, der hier nur kurz reinschaut, merkt gleich, dass hier eine andere Atmosphäre herrscht. Da wird die Autorin geduzt, wird zum Teil der Truppe, scheint mit den Lippen die von den Schülern vorgelesenen Texte und Gedichte nachzuformen und lebt das just Geschriebene.

Natürlich gibt es aber ein Thema, denn schließlich soll auch ein gemeinsames „Werkstück“, ein Heft, in dem all die von den Schülern bis hinauf zur neunten Klasse geschaffene Literatur, später mal in gebundener Form entscheiden. Doch zunächst ist die Arbeit in der Werkstatt gefragt. Hier stehen Apfelsaftschorle und Wasser auf dem Tisch, Schokolade ist als Gedankenmotor nicht verpönt und darf auch mal sein wie das zusammengeknüllt auf dem Tisch liegengebliebene Stück Papier.

Isabell Rosen aus der 6c liest vor, formt in wie die anderen Teilnehmer der Gruppe in Worte, wo sie die anderen der Gruppe in 20 Jahren sieht. Da ist vom Leben im Ausland die Rede, vom beruflichen Erfolg, von Familien, aber auch davon, wie man selbst glücklich werden kann. Und fast immer sind die grauen Haare dabei, auch, wenn die heutigen Kinder dann gerade mal etwas älter als 30 Jahre sein werden. Aber auch die Gegenwart ist ein Thema, um das sich Schreiben und Lesen an diesem Nachmittag dreht. „Ich bin hilfsbereit wie ein Krankenhaus“, macht Ahmet Aydén von der 5c einen gewagten Vergleich. „Ich bin ein Mädchen, das nicht lügt, sondern so ehrlich ist, wie die Wahrheit“, sagt Celina Henke aus der 6b. Dichtung und Wahrheit liegen immer dicht beisammen, aber genau das macht Mirjam an dieser Werkstatt so viel Spaß. „Die Kinder sind ehrlich und echt in dem, was sie schreiben“, sagt Profi Mirjam. Und sie zeigt den jungen Menschen, dass es auch abseits elektronischer Gadgets immer wieder das Wort ist, das als Treibstoff der Phantasie zum geflügelten Vehikel von Wünschen oder auch Wirklichkeit werden kann. Und was ist schöner, als sich dem von Aline Fröschen aus der 6c erdachten „Wolkenflüsterer“ und seinen immer wieder neuen Geschichten hinzugeben? Wohl nichts, finden die Kinder und freuen sich, in einer Oase der Ruhe mit selbstbewusstem Schreiben trotz ihrer jungen Jahre einmal Kreativität zu zeigen und ihren eigenen Stil zu leben.

Die Schreibwerkstatt der Willy-Brandt-Gesamtschule im Rahmen des Projekts „TAtSch“ (Theater Autoren treffen Schule) ist eine Partnerschaft mit Mirjam Günter als Patin und Autorin des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in Deutschland. In Kooperation mit dem Deutschen Literaturfonds und mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes, werden noch bis Juni dieses Jahres Schüler der Klassen fünf bis neun zu einer klassen- und jahrgangsübergreifenden Schreibwerkstatt eingeladen. Die Willy-Brandt-Gesamtschule ist eine von nur sechs Schulen aus Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, die mitmachen dürfen. Für die Klassen fünf und sechs sind Ahmet Aydén, Arne Bräuer, Aline Fröschen, Lisa Graeper, Emma Hübner, Niklas Keils und Isabell Rosen dabei.

Mehr zum Thema gibt es auch im Internet unter www.textflug.de